„Handwerk braucht Resilienz, aber Resilienz braucht auch Handwerk“

In einem Interview erklärt Silvia Seeberg vom BFE, Seminarleiterin des Seminars „Zukunftsfähigkeit im Handwerk: Veränderungen aktiv gestalten“, warum KMU gerade heute Resilienz benötigen und warum das duale System hier hilft.

Interview: Rieke Hümpel

Hümpel: Guten Tag Frau Seeberg, Sie arbeiten im Dozententeam des neuen Resilienz-Seminars für kleine und mittelständische E-Handwerksunternehmer am BFE. Das Seminar richtet sich an Führungskräfte und Mitarbeiter und wird vom Europäischen Sozialfond Plus und dem Land Niedersachsen gefördert. Warum?

Seeberg: Wir haben hier ein Ungleichgewicht: Während große Unternehmen und Konzerne sich teure Beratungsagenturen im Führungskräfte-Coaching leisten können, sind solche Honorare für viele kleine und mittelständische Unternehmer – besonders für junge Unternehmen – kaum zu stemmen. Sprich: Genau die, die es besonders bräuchten, bleiben bislang oft alleine im Regen stehen. Das Bundestechnologiezentrum hat sich deshalb entschlossen, das Thema Führung konsequent in den Lehrplan zu verankern und die NBank unterstützt diese Initiative im Rahmen der ESF+-Förderung.

Hümpel: „Ist es heute schwieriger, ein Unternehmen im E-Handwerk zu führen als noch vor einigen Jahrzehnten – und wo sehen Sie die größten Herausforderungen?“

Seeberg: „Ja, ganz klar. Die Fachkräftezahlen sinken dramatisch und die neuen Generationen benötigen viel Führungskompetenz auf verschiedenen Ebenen. Personalführung ist viel komplexer geworden als noch vor einigen Jahrzehnten. Zeitgleich sind die Auftragsbücher voll – viele Betriebe sind monatelang im Rückstand bei der Abarbeitung. Die technische Entwicklung rast und fordert Aufmerksamkeit und die gesamtwirtschaftliche Situation ist von Unsicherheit und der Angst vor Deindustrialisierung geprägt. Das sind einige Berge. Eine gute Bergsteigerausrüstung hilft enorm!

Hümpel: „Und warum sollte ich mir als derart beanspruchter Unternehmer noch Zeit für dieses Resilienz-Seminar beim BFE abknapsen?“

Seeberg: Weil Sie hinterher sehr viel Zeit zurückgewinnen, klarer kommunizieren und niemals den Fokus verlieren. Und: Es ist ja nicht das erste Seminar zum Thema Führung, das das BFE entwickelt hat. Unsere Vorreiter – z.B. der „Bauleitende Monteur“ – sind in engster Zusammenarbeit mit Betrieben entstanden. Wir arbeiten ausschließlich mit echten Beispielen aus dem Handwerksalltag.
Im ersten BFE-Modul im Mai schaffen wir Grundlagen: Wo liegen die Belastungen? Welche Methoden und Techniken gibt es – und welche passen zu mir? In der ersten Praxisphase — zwei bis drei Wochen — wird das Gelernte im Betrieb trainiert. Im Mai folgt ein Reflexionsmodul. Die Teilnehmer verankern das Gelernte dann in der zweiten Praxisphase. Das letzte Modul im Juni schließt das Seminar mit Präsentation und Prüfung und dem Zertifikat ‚Resilienz im Handwerk‘.“

Hümpel: „Nun hat das Seminar einen ungewöhnlichen Aufbau: Theorie gibt es am BFE und Praxis im Betrieb. Das erinnert fast an die duale Ausbildung an einer BBS…“

Seeberg: „Ganz genau. Die duale Ausbildung hat einst das deutsche Handwerk groß gemacht. Der Grund: Es ist einfach sehr effektiv, im Klassenverband Gelerntes im Anschluss im Betrieb zu verankern – und genau das übertragen wir auf das Thema. Resilienz lernt man nicht in einem Tagesseminar. Man lernt es, indem man Wissen bekommt, es im Betrieb ausprobiert und danach reflektiert. Deshalb arbeiten wir in drei Modulen, und jedes Modul wird durch eine Praxisphase ergänzt. So wird aus Theorie echte Veränderung im Arbeitsalltag.

Hümpel: „Es kommen nicht nur Unternehmer was haben Mitarbeiter davon?“

Seeberg: „Es gilt das gleiche wie für die Chefs: Resilienz ist für alle wichtig. Mitarbeiter erkennen die eigenen Stärken und Schwächen und können entspannter auf Neuerungen reagieren. Insgesamt wird die Handlungsfähigkeit gestärkt. Es dreht sich viel um Kommunikation und die Minimierung von Reibungen.

Hümpel: „Was muss der Betrieb vorbereiten?“

Seeberg: „Gar nichts. Das Seminar lebt vom Austausch. Wir arbeiten mit einem wirklich intelligent gemachten digitalen Erfahrungsnotizbuch und sprechen im Seminarraum über die Erfahrungen.“

Hümpel: „Lassen Sie uns einige Beispiele nennen: Wie profitieren Betriebe konkret vom Seminar?“

Seeberg: „Die Betriebe profitieren auf mehreren Ebenen. Zum einen entlastet es die Unternehmer selbst: Wenn Führung klarer wird, werden Entscheidungen schneller, Konflikte kleiner und Abläufe ruhiger. Das spart im Alltag enorm viel Zeit und Nerven. Zum zweiten wirkt es direkt ins Team hinein. Die Teilnehmer bringen ganz konkrete Methoden mit, die sie im Betrieb einsetzen können – zum Beispiel, wie man Gespräche strukturiert führt, wie man Stress reguliert oder wie man Prioritäten richtig setzt. Das verbessert die Zusammenarbeit spürbar. Und drittens entsteht ein echter Kulturgewinn: Die Mitarbeitenden merken schnell, wenn Führungskraft und Betrieb souveräner mit Belastung umgehen. Das stärkt Motivation, Zusammenhalt und am Ende auch die Qualität der Arbeit. Kurz gesagt: Das Seminar macht Betriebe stabiler, zukunftsfähiger und handlungsfähiger – und das merkt man im Tagesgeschäft sofort.“

Hümpel: „Vielen Dank für das Interview.“